Sünde – ein perfides Prinzip

Sünde ist ein häufig benutztes Wort in der Alltagssprache. Wer falsches tut, sündigt. Ja sogar, wer mehr ißt, als sie/er sollte, sündigt. Wer falsches denkt, sündigt. Wer falsches denkt – Gedankenverbrechen? Stop!

Sünde ist das vom Menschen verursachte Getrenntsein von Gott. Warum hat der schon wieder die Finger drin? Was hat individuelles, falsches Handeln mit diesem Gott zu tun? Nochmal Stop.

Und dann war da noch die Erbsünde. Eine gewisse Eva soll in einem Garten von einem Baum gepflückt haben, und da wir angeblich alle ihre Nachkommen sind und diese „Sünde“ so schwer war, haben wir alle die Erbsünde auf dem Kerbholz. Damit ist also jede(r) betroffen und damit erstmal dazu aufgerufen, sich diesem Gott „wieder“ anzunähern. Nochmal Stop.

Das sind reichlich Hinweise, dass an dieser Sache irgendetwas faul ist. Mal zu den Gedankenverbrechen: Jede(r), wo (mit diesem hochdeutschen Relativpronomen schleiche ich mich sprachlich um die Verdoppelung herum) sich überlegt, ob sie/er etwas falsches tut oder nicht, oder ob irgendein Vorhaben jetzt richtig oder falsch ist, muß irgendetwas sündiges gedacht haben. Damit kriegen die jeden dran. Super Sache für diesen Gott (für nichtexistente Wesen kann man alles feststellen) und für dessen selbsternannte Stellvertreter auf Erden. Das Konzept der Sünde macht die Schuldgefühle, und diese Stellvertreter können sich darum kümmern. Das ist besser als jede Rabattkarte, so eine Kundenbindung bekommt keine noch so tolle Werbekampagne hin.

Ich bin ganz sicher nicht der Meinung, daß falsches Handeln in Ordnung geht, ebensowenig, wie es konsequenzenlos bleiben sollte. Falsches Handeln verursacht auch Schuld. Diese Schuld tritt aber immer gegenüber den Geschädigten ein, und zwar ausschließlich gegen diese. Auch das ist keine Einschränkung, denn es kann durchaus viele Geschädigte geben, je nach falscher Handlung auch die ganze Gesellschaft. Tatsächlich Unbeteiligte, und nichtexistente Wesen wie Göttinnen und Götter (ich will hier Hera, Aphrodite und Athene nicht ausnehmen, ganz besonders nicht Eris oder andere Göttinen und Götter) sind Unbeteiligte. Wer nicht mitspielt, hat keine Ansprüche. Und unnötige Schuldgefühle verursachen ist selbst falsches Handeln. Liebe Stellvertreter auf Erden, hier macht Ihr Euch schuldig. Und lest oben noch mal nach: Indem Ihr garantiert, daß von der „Sünde“ wirklich alle betroffen sind, macht Ihr Euch schuldig an allen Menschen, die Euch diesen Mist glauben.

Und als ob die Sache mit den Gedankenverbrechen nicht reicht, oder für den Fall, daß sich da jemand irgendwie rauswindet aus der Geschäftsidee mit der Sünde, oder einfach nur, weil doppelt genäht besser hält, kommt noch der brillante Einfall mit der Erbsünde. Nur leider hat der einen Pferdefuß: Spätestens mit diesem Gedanken wird klar, daß die selbsternannten Stellvertreter hier versuchen, ein Angebot zu machen, das „keine(r) ablehnen kann“. Sie bedrohen uns mit der Sünde, mit der Entfernung von „Gott“. Und doch sind sie dieselben, die uns die Lösung dieses Problems andrehen wollen, das sie uns selbst ans Bein binden.

Hier ist die Stelle, an der ich endgültig aussteige, das ist mir zu kompliziert. Ich schneide den ganzen „Gott“ und das ganze „Entfernen von ihm“ mit Ockhams Rasiermesser weg, und versuche, mein falsches Handeln und meine Schuld mit denen zu klären, die betroffen sind. Das ist oft schwer, und nicht immer schaffe ich es. Ich denke aber, daß es das ist, was allen am meisten bringt, und das beste kommt noch für mich alten Ego: Es bringt auch mir das meiste. Wenn ich es wieder geschafft habe, irgend eine solche Sache mit jemanden zu klären, ist auch mir wieder wohler. Oder ich überlege mir doch manches vorher, um überhaupt zu vermeiden, daß ich diesen schmerzhaftenWeg gehen muß. Auch das ist nicht immer einfach, aber in den meisten Fällen einfacher als der andere.