Bibel Brot (1)

Vor einigen Tagen ist mir in einer Bäckereifiliale Werbung für „Bibel Brot“ aufgefallen. Übers Brot gab es eine kleine Faltkarte mit dem Untertitel „Das schickt der Himmel“. Die Faltkarte zeigt auf sieben Bildern hervorgehonen sieben Bibelzitate. Das Presseerzeugnis trägt kein Impressum und nennt keinen Verantwortlichen im Sinne des Presserechts. Das einzige, was irgendwie zuordenbar ist, ist ein Domainname: http://www.bibelserver.com.

Fünf der hervorgehobenen Zitate betonen die Bedeutung des Brotes. Zwei gehen auf „biblische“ Zutaten ein, die zum Brotbacken besonders geeignet sein sollen. Das erste ist Hesekiel 4, 9. In der Einheitsüberstzung ist der Abschnitt überschrieben mit: „Die Drohsprüche gegen Juda und Jerusalem“, es geht um Prophezeihungen vor der babylonischen Gefangenschaft. Die Verse 10 und 11 unterschlägt das Faltblatt: Dort steht geschrieben (jetzt rede ich schon wie die):

Das Brot, das du ißt, soll genau abgewogen sein, zwanzig Schekel am Tag; davon sollst du von Zeit zu Zeit essen. Auch das Wasser, das du trinkst, soll genau abgemessen sein: ein  Sechstel Hin; davon sollst Du von Zeit zu Zeit trinken.

Aha, es handelt sich also um eine Rationierungsvorschrift. Wenn man mit dem Heer der Babylonier rechnet, kann das ja ganz vernünftig sein. Warum mich aber das dazu animieren soll, Bibelbrot zu kaufen und zu essen, verstehe ich nicht ganz. Nun zur Menge: 1 Talent ist laut englischsprackiger Wikipedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Talent_(measurement)) in 60 Mina und diese wiederum in 60 Schekel unterteilt. Ein Talent wiegt so um die 30 Kilo. Dann wiegt eine Mina etwa 500 Gramm, ein Schekel dann um die 8 Gramm. Ich finde 160g Brot am Tag jetzt nicht direkt üppig. Ein hebräisches hin soll etwa 6,5l gehabt haben, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Hin, es gab also ca. 1,1 l Wasser am Tag. Es handelt sich also nicht um eine Anweisung, wie man gesundes Brot macht, sondern um eine äußerst knappe Rationierungsvorschrift für Brot und Wasser.

Das Beste liefert aber der nicht zitierte Vers 12:

Das Brot sollst du wie Gerstenbrot zubereiten und essen; auf Menschenkot sollst du es vor aller Augen backen.

Ein paar Verse weiter wird Rinderminst erlaubt, aber erst nach dem Einwand, daß das mit dem Menschenkot unrein sei.

Ich war ja vorher schon nicht darauf versessen, Bibelbrot zu essen, aber nach kurzer Bibellektüre ist mir die Lust jetzt endgültig vergangen…

Freier Mensch und Glaube, wie paßt das zusammen?

Vor einiger Zeit bin ich auf einen geistlichen Satz von Johan Christoph Bach gestoßen: http://www1.cpdl.org/wiki/images/0/00/J-C_Bach_-_F%C3%BCrchte_dich_nicht.pdf. Der Text des Chores lautet:

Fürchte Dich nicht, denn ich hab dich erlöst,
fürchte Dich nicht, ich hab dich bei deinem Namen gerufen,
du bist mein,
wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Darüber singt der Sopran:

O Jesu du, mein Hilf und Ruh, ich bitte dich mit Tränen,
hilf, daß ich mich bis ins Grab nach dir möge sehnen.

Die Zeilen „du bist mein“ und  „wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein“ wiederholen sich im Gesang des Chores immer wieder abwechselnd, die Zeile „du bist mein“ führt auf den Schlußakkord.

Ich frage mich, was diese Motette und dieser Text soll. Soll das Stück auf den Hörer jetzt tröstend wirken, dieser Gott bekennt sich zu Dir? Oder wirkt es einfach nur beängstigend, wie aus dem Handbuch für Selbstmordattentäter? Geh mit mir, ich nehm Dich ins Paradies mit, Du bekommst ein paar von den Jungfrauen ab, die mir versprochen sind? Offensichtlich soll ich auch nicht darüber nachdenken, denn „du bist mein“, oder auf den Hörer bezogen, ich bin sein?

Nein, dieses Bild wird noch auf die Spitze getrieben durch das, was der Sopran darübersingt. Dessen Text trägt den Zweifel am Glauben des Bittenden in sich, der Zweifel, der zur Gottlosigkeit und damit zum Verlust des Seelenheils führen kann. Das ist unbedingt zu vermeiden, denn die Gottlosen sind ja schließlich zu den Höllenqualen verdammt und werden nicht an der Seite des Herrn ins Paradies einziehen. Deshalb muß man sich dem totalen Anspruch Jesu selbst ausliefern, der vom Chor mit den oft wiederholten Worten „du bist mein“ ausgedrückt wird.

Für mich gibt es eine einzige mögliche Reaktion auf diese beiden Dinge: Ich widerspreche diesem Anspruch. Ein freier Mensch hat keinen Herrn, wie ihn ein Sklave hat. Und auch noch darum zu betteln, daß ich ein Sklave dieses Herrn sein darf, wie es die Sopranstimme des Stückes tut, das kommt mir schon gar nicht in die Tüte.